Zahnregulierung nur vom Fachzahnarzt!
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Dr. Peter Schicker

Zahnregulierung nur vom Fachzahnarzt!

Es gibt einige Onlineportale, die durchsichtige Zahnschienen für Erwachsene verkaufen. Das Versprechen: Gerade Zähne ohne Facharztbesuch. Was denken Sie darüber?
Dr. Schicker: Man sollte sich sehr gut überlegen, ob man sich Aligner im Netz bestellt und sich damit quasi selbst therapiert, ohne die physiologischen Zusammenhänge sowie die Möglichkeiten, Grenzen und Risiken der Behandlung zu kennen. Meine Erfahrung: Lieber die Finger davon lassen.

Wenn ein Patient nur Abdrücke und Bilder einsendet, können unter Umständen andere Zahnprobleme nicht erkannt werden. Nur ein paar Fotos und ein vom Laien abgenommener Abdruck reichen nicht aus. Uns suchen immer mehr Menschen auf, weil bei dieser Art von »Selbstbehandlung« ziemlich viel schiefgegangen ist und nun die Gesundheit der Zähne auf dem Spiel steht. Es gibt Patienten, die leiden dann unter schweren Zahnfleischproblemen. Bei anderen wiederum haben sich Zähne gelockert. In der ZDF-Sendung WISO vom 15. Februar dieses Jahres wurde sogar der Fall einer Patientin gezeigt, bei der zwei wurzelbehandelte Backenzähne durch die Schienen gebrochen worden waren. Und selbst wenn schein­bar alles glattgeht und die Zähne nach ein paar Monaten gerade stehen, können Jahre später noch Probleme auftreten. Also, erster Ansprech­partner für unsichtbare Schienen sollte immer der Fachzahnarzt für Kieferorthopädie sein.

Welchen Stellenwert haben Aligner in der Kieferorthopädie?
Die Korrektur von Zahnfehlstellungen mit einer Serie von nahezu unsichtbaren individuell angefertigten Schienen hat sich zu einem wichtigen Therapiebereich ent­wickelt, vor allem auch in der Behandlung von Erwachsenen. Und ja, diese Schienen können je nach Indikationsstellung anderen Therapieformen überlegen sein. Aber das System erfordert einen erfahrenen Facharzt, der mit den Möglichkeiten auch virtuos umzugehen weiß. Schließlich geht es am Ende um 28 Zähne und vier Dimensionen. Da ist die Vorstellungskraft des Therapeuten enorm wichtig, zumal selbst ein leichtes Bewegen der Zähne Auswirk­ungen auf den Körper hat. Das sollte man wissen.

Was macht die Zahnregulierung per Internet in Ihren Augen so problematisch?
Normalerweise gehört es zu den kieferorthopädischen Standards, dass alle Zähne und Zahnkeime mit Bildgebenden Verfahren dargestellt werden. Das ist bei den Internetan­bietern meistens nicht der Fall. Oft sieht der Patient den Arzt auch nur einmal zu Beginn der Behandlung. Wenn überhaupt. Und es gibt größtenteils keine Verlaufskontrollen, die aber ungemein wichtig sind. Hier werden also medizinische Standards verletzt.

Wie läuft eine Behandlung beim Facharzt ab, die den hohen Standards entspricht?
Zunächst einmal muss ja abgeklärt werden, ob eine kieferorthopädische Behandlung notwendig ist. Deshalb steht die Beratung an erster Stelle. Wir untersuchen die Zähne, die umliegende Muskulatur und das Kiefergelenk. Durch den persönlichen ganzheitlichen Blick erkennen wir genau, was hinter Fehlstellungen und Funktionsstörungen steckt. Schließlich geht es nicht allein darum, einen Zahn »gerade zu schubsen«, sondern um das Gesamtsystem Körper.

Wir achten auf die Mundgesundheit, auf Aussprache und Haltung sowie Ernährungsgewohnheiten, denn es sollen die Ursachen und nicht nur Symptome therapiert werden. Das alles ist Voraussetzung für einen nachhalti­gen Behandlungserfolg. Auf Grundlage der so gewonnenen Erkennt­nisse klären wir dann über die verschiedenen Möglichkeiten, die Dauer und die ungefähr zu erwartenden Kosten auf. So ein Beratungsgespräch dauert mindestens 30 Minuten, oft aber länger. Alle offenen Fragen des Patienten sollen beantwortet werden. Nachfragen ist erwünscht. Am Ende stehen vielleicht zwei bis drei alternative Behandlungspläne, die ich mit dem Patienten diskutiere. Dabei ist jeder Mensch anders, deshalb gibt es auch nichts vom »Fließband«. Während der Behandlung sehen wir unsere Patienten regelmäßig, um eben den Verlauf zu kontrollieren. Wir gucken, ob sich die Zähne auf die gewünschte Art und Weise bewegen, ob das Tragegefühl gut ist, ob dem Patienten etwas aufgefallen ist oder es Irritationen gibt.

Sie setzen dabei auch auf ein medizinisches Netzwerk. Warum?
Es ist wichtig, mit verschiedenen Ärzten und Therapeuten zusammenzuarbeiten und sich in den jeweiligen Fachgebieten gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen. Das steigert die Versorgungsqualität. Ein Beispiel ist die Kariesdiagnostik. Wir sehen Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene während der Behandlung ja regelmäßig und können gerade in der Frühdiagnostik von Karies mithelfen. Dazu benutzen wir in unserer Praxis mittlerweile eine neue Technik, die ohne Röntgenstrahlen funktioniert und deshalb keine Nebenwirkungen hat. Mit einer Art Kamera durchleuchten wir die Zähne, dabei werden kariöse Stellen als dunkle Schatten sichtbar. Sollte es einen Kariesverdacht geben, überweisen wir den Patienten dann an die behandelnden Zahn­ärzte, mit denen ich sowieso immer im Austausch bin, um gemeinsam Thera­pien abzusprechen und zu koordinieren. Je früher Karies entdeckt und behandelt wird, desto weniger geht an Zahnsubstanz verloren.

Dieses Beispiel zeigt noch einmal, wie wichtig der Besuch eines Facharztes ist.