Welche Leistungen führen zum Erfolg?
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Dr. Peter Schicker

Welche Leistungen führen zum Erfolg?

Herr Dr. Schicker, warum gibt es eigentlich keine wissenschaftlichen Langzeitstudien, die klären, welche Maßnahmen vor allem bei Kindern und Jugendlichen medizinisch notwendig sind und langfristig zu Behandlungserfolgen führen?
Dr. Schicker: Die sind eben sehr schwer durchzuführen. Wenn ich einen wissenschaftlichen Standard definieren möchte, müsste ich eine sogenannte Doppel-Blind-Studie erstellen. Das heißt, ich müsste einem Patienten die Behandlung anbieten und einem anderen Patienten die Behandlung verweigern, um dann mal nach 20 Jahren zu gucken, ob eine Therapie zum Ziel geführt hat oder nicht. Diese Art von Studie ist maximal unethisch und glücklicherweise seit über 80 Jahren verboten.

Woran machen Sie dann die Wirksamkeit beispielsweise von Zahnspangen fest?
In meinem Studium der Zahnmedizin und der anschließenden vierjähri­gen Facharztausbildung zum Kieferorthopäden habe ich gelernt, was ein gesundes Gebiss ist. Dabei meine ich gesund im Sinne von optimaler Funktion. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Funktion zu gewährleisten, damit der Mensch mit seinen natürlichen Zähnen alt wer­den kann. Da die Menschen immer älter werden, ist auch die funktionelle Prophylaxe ein wesentlicher Faktor der modernen Medizin. Daraus leitet sich alles Weitere ab. Wachsen die Zähne im Kinder- und Jugend­alter nicht gerade, bekommen oft die Backenzähne den gesamten Kaudruck ab. Sie gehen dann eher kaputt, bekommen Karies oder benötigen eine Wurzelbehandlung. Im Erwachsenenalter können sich auch Beschwerden wie Kiefergelenkschmerzen, Kopf- und Nackenschmerzen oder sogar ein Tinnitus einstellen. Setze ich dann eine Therapie an und die Beschwerden sind danach weg, kann ich schon den Schluss ziehen, dass bei einer früheren Behandlung diese Probleme erst gar nicht aufgetaucht wären. Wobei ich dazu sagen muss, dass bei Kindern und Jugendlichen nicht jede Fehlstellung behandlungsbedürftig ist und manche Probleme sich auch einfach auswachsen, was allerdings nur der Kieferorthopäde wirklich beurteilen kann. Im Grunde ist es so, dass die Zahnmedizin eine Wissenschaft ist, aber eben eine anwendungsorientierte Erfahrungswissenschaft.

Braucht es trotzdem in der Kieferorthopädie neue Leitlinien?
Wir sind der Berufsstand, der so maxi­mal kontrolliert wird wie kein anderer. Die gesetzliche Krankenkasse legt exakt fest, was aus ihrer Sicht medizinisch notwendig ist, was nicht und was noch nicht. Mithilfe von kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG) werden die Fehlstellungen beurteilt und in fünf Schweregrade eingeteilt. Von eins wie ganz leicht bis fünf wie ganz schwer. Für Kinder und Jugendliche bezahlt die Kasse nur bei Schwere­grad drei bis fünf. Ab dem 18. Lebensjahr zahlt die Kasse nur noch bei schwersten Kieferanomalien, die schon eine kombinierte kieferchirurgische und kieferorthopädische Behandlungsmaßnahme erfordern.

Warum laufen heutzutage trotzdem auch so viele Erwachsene mit Zahnspange herum?
Das liegt sicher zum einen daran, dass die ästhetischen Ansprüche gestiegen sind, was man aber nicht kleinreden sollte. Perfekt ausgeform­te gesunde makellose Zähne sehen nicht nur gut aus, mit ihnen kann man heute auch in der Arbeitswelt und bei der Partnerwahl punkten, haben sozialwissenschaftliche Studien gezeigt. Aber es gibt auch viele medizinische Gründe, die für eine kieferorthopädische Behandlung bei Erwachsenen sprechen. So können sich ursprünglich leichte Zahnfehlstellungen mit dem Alter verstärken, Zähne können sich durch Paro­dontitis lockern und sind nur noch schlecht im Kiefer verankert, wodurch sich eventueller Zahnersatz schwer anpassen lässt, Zähneknirschen belastet die Kiefergelenke. Auch in der Schlafmedizin, hier bei der Bekämpfung von Atem­aussetzern oder Schnarchgeräuschen, kann die Kieferorthopädie einen wichtigen Therapiebeitrag leisten. Zudem sind die Behandlungsmöglichkeiten heute so viel­fältig, sanft und individuell, dass eine Zahn- und Kieferregulierung problemlos machbar ist. Und die Ergebnisse sind immer perfekter geworden.

Gibt es trotzdem Risiken?
Die modernen Therapiemöglichkeiten sind für den Behandler erheblich komplexer zu planen und es müssen zusätzliche Aspekte beachtet werden. Umso wichtiger ist es, sich auf einen Therapeuten mit entsprechender Ausbildung zu verlassen. (Siehe Kasten links.)

Das Interview führte Sigrun Stroncik