Zahnkorrektur – schnell und billig aus dem Internet?
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Dr. Peter Schicker

Zahnkorrektur – schnell und billig aus dem Internet?

Es schießen Onlineportale aus dem Boden, die per Internet durchsichtige Zahnschienen, also Aligners, gerade an junge Leute verkaufen und das auch immens bewerben. Das Versprechen: gerade Zähne, schönes Lächeln. Schnell, billig, unkompliziert und ohne Facharztbesuch. Ist das Ganze Fluch oder Segen?
Dr. Schicker: In erster Linie ist es wohl ein Fluch für den Kunden (Patient ist er dort nicht.), dem hier suggeriert wird, dass der Kieferorthopäde nicht mehr nötig ist. Meine Erfahrung: Lieber die Finger davonlassen. Denn der medizinische Sach­verstand ist ganz wichtig. Es braucht jemanden, der genau weiß, was er tut, wenn er in das Kausystem eingreift, der die physiologischen Zusammenhänge sowie die Möglichkeiten, Grenzen und Risiken der Behandlung kennt.

Das heißt: Einen schiefen Zahn kann man nicht isoliert betrachten?
Jeder Zahn ist Teil unseres komplexen Kausystems, das wiederum sehr empfindlich auf Eingriffe reagiert. Bewege ich einen Zahn wenige Millimeter, greife ich in das Gesamtsystem ein. Dabei sind enorme Kräfte im Spiel, die auf Knochen, Muskeln und Gelenke wirken. So hat das Gebiss über 100 Kontaktpunkte, die alle berücksichtigt werden sollten.

Sind schon Patienten wegen schiefgegangener Internetbehandlung zu Ihnen kommen?
Ja, die kommen immer häufiger zu uns, weil die Zahngesundheit auf dem Spiel steht. Die können nicht mehr richtig kauen, haben Kiefergelenksbeschwer­den, schwere Zahnfleischprobleme, da haben sich Nachbarzähne gelockert, da sind Backen­zähne gebrochen. Das sehe ich auch vermehrt als Gutachter.

Was ist so problematisch an den Onlineanbietern?
Aligners, also kaum sichtbare Zahnschienen, können gar nichts. Was sie so erfolgreich macht, das ist ihre Programm­ierung und das muss der Therapeut unter Be­rücksichtigung der gesamten Muskulatur und des Kausystems des jeweiligen Patienten machen. Und des­halb gibt es gute und schlechte Behandlungen. Die guten werden von den Kieferorthopäden gemacht, die es über viele Jahre gelernt haben und deren Ziel es ist, dass das Gebiss seines Patienten ein Leben lang hält. Die Internetanbieter haben eher ein Inter­esse, ein Geschäftsmodell zu generieren, welches später gewinnbringend verkauft werden kann. Das ist ja auch gerade passiert. Um dies zu erreichen, wird gespart an der fachärztlichen Expertise.

Jetzt könnte man meinen, Sie wollen unliebsame Konkurrenz loswerden, die billiger ist.
Könnte man meinen. De facto sind die Internetanbieter aber viel teurer als wir Fachärzte. Die machen für viel Geld nur wenige Zähne, wir kümmern uns um alle! Und sollten wirklich nur mal vier Schneidezähne gemacht werden und aufgrund unserer Diagnose auch wirklich nichts anderes, sind wir billiger und der Patient ist dazu noch unter der so wichtigen ärztlichen Aufsicht. (SST)

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